In fünf Tagen ist Wahl in Sachsen-Anhalt, am 6.9.2026.
Ich würde gerne aus Sicht der Politikwissenschaft zwei Vorhersagen treffen und einmal mit den Achseln zucken, weil mir eine Vorhersage unmöglich ist.
Erstens: Die Wahlbeteiligung wird deutlich höher sein als beim letzten Mal. Ich erwarte mindestens 7 Prozentpunkte mehr. 2021 haben 60,7 Prozent der Wähler*innen gewählt. Ich schätze, dass 67+ Prozent sehr wahrscheinlich sind. Bei den letzten Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen hat der Sprung 8–9 Prozentpunkte von 2019 auf 2024 betragen. Der hohe erwartete Anstieg für Sachsen-Anhalt liegt an einer außerordentlichen Politisierung: große Unterschiede in den Programmen der Parteien, die eine Chance haben, in den Landtag zu kommen, und insgesamt ein sehr aufgeladenes Diskussionsklima.
Zweitens: Ich erwarte mehr Zweifel unter Bürger*innen am Wahlprozess, da die AfD systematisch Zweifel bezüglich der Rechtmäßigkeit der Briefwahl sät. Dabei erhebt sie falsche, nicht gestützte, allgemeine Vorwürfe gegen Pflegepersonal, welches die Wahl für Patient*innen vornimmt (z. B. im ZDF-Sommerinterview von Tino Chrupalla). Durch diese AfD-Kampagne gegen die Rechtmäßigkeit der Briefwahl werden viel mehr Wahlberechtigte in Sachsen-Anhalt nach der Wahl Einsprüche beim Landtag erheben (laut § 2-3 des Wahlprüfungsgesetzes), die dann vom Wahlprüfungsausschuss des Landtags geprüft werden. Diese Vielzahl der Prüfungen ist an sich kein Problem, aber der Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Wahl, der sich in ihnen widerspiegelt, schon. In Demokratien ist es wichtig, dass alle Wahlberechtigten, vor allem die Verlierer*innen, das Wahlergebnis akzeptieren. Wenn die Integrität des Wahlprozesses von vielen angezweifelt wird, kann das die Stabilität der Demokratie gefährden.
Drittens: Nach der Wahl wird die Regierungsbildung kompliziert, und zwar so kompliziert und unvorhersehbar, wie noch nie. Im europäischen Vergleich ist diese Komplexität absolut üblich. Sachsen-Anhalt schließt also eher zu europäischen Regierungsbildungsprozessen auf.
Die folgenden acht Szenarien sind möglich:
- Die AfD bildet alleine eine Mehrheitsregierung mit Ulrich Siegmund als Ministerpräsidenten.
- Die AfD bildet eine Minderheitsregierung mit Unterstützung einer Partei bei der Wahl (z.B. BSW) – mit oder ohne Ulrich Siegmund.
- Die CDU bildet eine Mehrheitskoalition und regiert mit Sven Schulze.
- Die CDU bildet eine Mehrheitskoalition und regiert mit einem parteilosen Experten oder einer Expertin.
- Die CDU bildet eine Minderheitskoalition und regiert mit Sven Schulze.
- Die CDU bildet eine Minderheitskoalition und regiert mit einem parteilosen Experten oder einer Expertin.
- Es kommt keine absolute Mehrheit der Stimmen im Landtag bei einer Ministerpräsidentenwahl zustande und der Landtag beschließt die vorzeitige Beendigung der Wahlperiode.
- Es kommt keine absolute Mehrheit der Stimmen im Landtag bei einer Ministerpräsidentenwahl zustande, der Landtag beschließt NICHT vorzeitige Beendigung der Wahlperiode und es kommt zu einer relativen Mehrheit für einen Kandidaten oder eine Kandidatin.
Die Unsicherheiten über Wahlbeteiligung, Reißen der Fünfprozenthürde und Stimmergebnisse sind zu groß, um eine einzelne Vorhersage seriös zu machen.
Auf dem Wettmarkt Polymarket.com hatten zum Beispiel am 1.9. um 15:20 Uhr 73 % auf Sven Schulze als Ministerpräsidenten gesetzt, 27 % auf Ulrich Siegmund. Wenn die Mehrheit dort recht hätte, wären unsere Szenarien drei oder fünf denkbar.
Es bleibt spannend.