Feministisches Male Allyship: Unterstützt Mann mit Diskriminierungserfahrung anders?

Julika Ude

Betrachtet man die Gesellschaft als machtverwobenen Raum, kann man argumentieren, dass bevorteilte Bevölkerungsgruppen als (Mit)Verantwortungsträger:innen für sozialen Wandel in den Fokus rücken. Das Konzept des Male Allyship tut genau das, und beschreibt Männer, die sich aktiv gegen die Diskriminierung von Frauen* einsetzen. Über jene Allies, die selbst Diskriminierung erfahren, weiß man bislang allerdings vergleichsweise wenig. In meiner Bachelorarbeit habe ich deshalb versucht, Male Allies in ihrer Komplexität zu erfassen und gefragt, wie Männer mit bzw. ohne eigene Diskriminierungserfahrungen Allyship-Praxis leben.

Handlungs-, Entscheidungs- und Artikulationsmacht sind innerhalb der deutschen Gesellschaft ungleich verteilt und strukturieren politische Beteiligung, Handlungsspielräume und Ausschlüsse. Privilegierteren Personengruppen bieten sich ressourcenreiche Möglichkeiten, um diskriminierte Bevölkerungsgruppen in ihren Anliegen zu unterstützen.

In Deutschland sind ebendiese Bevorteilten eher Männer, vor allem, wenn sie weiß, körperlich und psychisch nicht beeinträchtigt, heterosexuell und aus einem ökonomisch abgesicherten Haushalt sind. Vergleichsweise ohnmächtiger sind jene, die von dieser Norm abweichen. Bspw. Frauen* sind deshalb besonders gefährdet, (Mehrfach-)Diskriminierung und ihren (gewaltvollen) Konsequenzen ausgesetzt zu sein.

Um dieser Ungleichheit entgegenzutreten, können Male Allies bedeutungsvoll sein. Ob sie tatsächlich positiv zur Gleichberechtigung von Frauen* beitragen, hängt, so bisherige Forschung, unter anderem von ihrer Motivation, ihrer Kenntnis über bestehende Machtgefälle und ihrer eigenen reflektierten Positionierung darin (ihrem Machtbewusstsein) sowie von der Art ihrer Handlung ab.

Um intersektionale Verwobenheiten im Male Allyship mitzudenken, habe ich untersucht, wie sich Motivation, Machtbewusstsein und Handlungspraxis feministischen Allyships zwischen Männern mit und ohne Diskriminierungserfahrung in Deutschland unterscheiden. Dabei wird Allyship im Rahmen eines breiten Partizipationsverständnisses untersucht, das auch die private Sphäre als möglichen Raum politischen Handelns einbezieht.Ich habe vier Männer ohne (Interviewgruppe; IVG 1) und sechs Männer mit Diskriminierungserfahrung (IVG 2) in halbstrukturierten Interviews befragt und mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz gruppenvergleichend ausgewertet.

Konsistentes Handeln trotz eines eigennützigen Motivs

Die Ergebnisse zeigen erstens, dass alle Befragten ihr Engagement primär mit einem egalitären Gerechtigkeitsmotiv begründen. Männer mit Diskriminierungserfahrung verknüpfen dieses dabei häufiger mit einem eigennützigen Freiheits- und Schutzinteresse. Egalitäre und eigennützige Motive schließen sich also nicht aus, sondern treten nebeneinander auf.

Diese Kombination geht besonders in IVG 2 mit auffällig konsistentem Handeln trotz (möglicher) Kosten einher. Das weicht von der Annahme ab, eigennützige Motive bedeuteten kostenärmere Allyship-Praxis und lässt vermuten, dass das geäußerte Motiv die Handlungspraxis nur begrenzt erklären kann.

Machtbewusstsein als Sensibilität für die Benachteiligung anderer

Zweitens zeigen sich Unterschiede weniger im grundsätzlichen Verständnis von Privilegien als in deren Einbettung. Während Männer ohne Diskriminierungserfahrung ihre Position meist über Privilegien beschreiben, verorten sich Männer mit Diskriminierungserfahrung häufiger im Spannungsfeld von Privileg und Benachteiligung. Auffällig dabei ist, dass sie die (Leidens-)Erfahrungen betroffener Frauen* und anderer Benachteiligten eher beispielhaft beschreiben, während IVG 1 sie eher abstrakt benennt.

Es erscheint sinnvoll, Machtbewusstsein nicht auf das Reflektieren eigener Privilegien zu reduzieren: Es zeigt sich in der IVG 2 auch in handlungsbezogener Sensibilität für unterschiedliche Formen von Benachteiligung, also nicht nur darin, die eigene privilegierte Position zu erkennen, sondern auch Benachteiligungen anderer wahrzunehmen und handlungsbezogen einzuordnen. Hier lässt sich hinterfragen, ob Diskriminierungserfahrungen den Wahrnehmungshorizont erweitern und bestimmte Situationen als handlungsrelevant sichtbar machen können. Sie könnten feministische Handlungsimpulse verstärken, aber ebenso zu Zögern führen, wenn aus Erfahrungen die Sorge vor eigenem grenzüberschreitendem Verhalten entsteht.

Bemerkenswert ist, dass alle Befragten betonen, sich grundsätzlich für „alle“ Frauen* einzusetzen, zusätzlich nennt IVG 2 zum Teil spezielle Merkmale und Bedürfnisse von Frauen*(gruppen), für die sie sich einsetzen. Dass Befragte der IVG 1 bspw. keine expliziten Merkmale nennen, führt zu der Frage, welche Benachteiligungen wahrgenommen werden, also welche Frauen* gesehen und übersehenen werden.

Sphärenübergreifende Kostenasymmetrie

Drittens unterscheiden sich die Gruppen in ihrer Handlungspraxis. Männer mit Diskriminierungserfahrung beschreiben, mit Ausnahme des Arbeitskontexts, kontextübergreifend konsistenteres Handeln trotz (sozialer) Kosten. Gerade, weil sie teilweise höhere Kosten beschreiben, ist ihre konsistentere Handlungspraxis analytisch interessant: Sie berichten von Nachteilen bereits durch ihre Präsenz, etwa durch das Offenlegen ihrer vollen Identität sowie von sozialen Kosten bei feministischen Handlungen, indem ihnen z.B. die Männlichkeit abgesprochen wird. Männer ohne Diskriminierungserfahrung berichten dagegen vor allem im eigenen Arbeitskontext von Handlungen, im privaten und öffentlichen Raum jedoch eher von Unterlassungen, wenn Konflikte oder Nachteile wahrscheinlich sind. Gleichzeitig profitieren sie in nicht-öffentlichen Sphären von ihrer Präsenz sowie beim öffentlichen feministischen Intervenieren eher von Vorteilen. Sie sprechen bei gefürchteten Kosten gleichzeitig seltener von durchgeführter Allyship-Praxis.

Dadurch wird deutlich, dass sich Allyship durch alltägliche Sphären zieht und gerade nicht-klassische politische Arenen relevant sind. Dies spricht dafür, in der Betrachtung die klassische Abgrenzung der „Privatheit“ von politischen Sphären aufzubrechen und politische Praxis sphärenübergreifend zu betrachten. So lässt sich Allyship differenzierter erfassen, insbesondere wenn Vorteile in öffentlichen Räumen mit Unterlassungen in privaten Bereichen einhergehen. Ebenfalls wird sichtbar, dass die Konsequenzen öffentlichen oder institutionellen Handelns ungleich verteilt sind: Unterschiede in Sanktionen und im „Ernstgenommen-Werden“ treffen die Interviewten unterschiedlich, IVG 1 eher positiv, IVG 2 eher negativ, was sich mit Annahmen intersektionaler Partizipationsforschung deckt.

Limitationen

Die Ergebnisse sind aufgrund des begrenzten Platzes nicht vollständig ausgeführt und mit Vorsicht zu interpretieren. Sie erlauben keine Rückschlüsse auf vermeintliche Personengruppen. Die Zahl der Befragten mit vier bzw. sechs Männern ist gering und die Gruppeneinteilung in Männer mit unterschiedlichen bzw. ohne Diskriminierungserfahrung(en) ist analytisch stark vereinfachend. Zudem wurden keine Handlungen quantitativ erfasst, sondern Selbstbeschreibungen erhoben und interpretiert. Weitere Forschung könnte mit einzelfallorientierten, beobachtenden oder quantitativen Ansätzen das Zusammenwirken von Motiven, situativen Faktoren und tatsächlichem (Nicht-)Handeln untersuchen.

Hinweis: Aus Darstellungsgründen beschränkt sich die Beschreibung auf die Geschlechterungleichberechtigung zwischen Männern und Frauen*, durch das Sternchen soll trotzdem deutlich werden, dass der Begriff inklusiv verstanden wird.

Weiterführende Literatur:

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