Wer nimmt Elternzeit und wo? – Wie regionale Strukturen die Väterbeteiligung prägen

Maren Müller

Im Jahr 2024 veröffentlichte die Bundesregierung erstmalig den sogenannten Gleichwertigkeitsbericht. Anhand von rund 100 Deutschlandkarten wurde sichtbar, wie unterschiedlich die Lebensbedingungen innerhalb der Bundesrepublik sind. Eine der Karten zeigt die Beteiligung von Vätern an der Elternzeit. Bei der Betrachtung auf Kreisebene werden regionale Unterschiede deutlich sichtbar: während in großen Teilen Bayerns und Sachsens mindestens jeder zweite Vater Elternzeit nimmt, liegt der Anteil im Saarland oder im Ruhrgebiet bei nur etwa einem Viertel (siehe Abbildung 1).

Abb. 1 Räumliche Verteilung der Väterbeteiligung

Eigene Darstellung; Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2025; Statistisches Bundesamt, 2025

Die Höhe der Väterbeteiligung ist aus mehreren Gründen relevant. Väter, die ohne die Kopräsenz der Mutter in Elternzeit gehen, engagieren sich langfristig stärker im Haushalt und in der Erziehung. Das stärkt die Vater-Kind-Beziehung, entlastet die Mutter und wirkt sich positiv auf die Entwicklung des Kindes aus. Auch gesamtgesellschaftlich spielt die Väterbeteiligung eine wichtige Rolle. Eine gleichmäßigere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit erleichtert Müttern den Wiedereinstieg ins Berufsleben, was ihre langfristige Erwerbsbeteiligung steigert. Das ist von besonderer Relevanz, da das Humankapital von Müttern als das größte unausgeschöpfte Potenzial des Arbeitsmarktes gilt, welches angesichts des Fachkräftemangels und des demographischen Wandels zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Trotz dieser klaren Vorteile ist die Forschung zur Väterbeteiligung bislang begrenzt. Bisherige Studien konzentrieren sich vor allem auf individuelle Merkmale und vernachlässigen regionale Unterschiede, obwohl Hinweise auf strukturelle Einflussfaktoren bestehen. Diese Unterschiede standen im Zentrum meiner Bachelorarbeit. Ich habe untersucht, welche wirtschaftlichen und soziodemografischen Faktoren erklären können, warum die Väterbeteiligung zwischen den Kreisen so stark variiert. Dafür habe ich Daten für das Jahr 2019 aus verschiedenen amtlichen Quellen zusammengetragen und ausgewertet.

Zur Einordnung der Ergebnisse ist ein kurzer Blick auf die institutionellen Rahmenbedingungen der Elternzeit notwendig. Seit der Elterngeldreform 2007 stehen Elternpaaren insgesamt 14 Monate bezahlte Elternzeit zu, von denen zwei Monate je Elternteil reserviert sind. Diese 14 Monate werden folglich nur dann vollständig ausgezahlt, wenn sich beide Elternteile mit mindestens zwei Monaten an der Elternzeit beteiligen. Andernfalls verfallen die reservierten Partnermonate. Das Elterngeld ersetzt in dieser Zeit zwei Drittel des jeweiligen Einkommens, ist jedoch auf 300 bis 1.800 Euro monatlich begrenzt. 

Die Ergebnisse meiner Analyse zeigen, dass wirtschaftliche Sicherheit und gesellschaftliche Rahmenbedingungen die Entscheidung von Vätern prägen, in Elternzeit zu gehen. Besonders stark wirken sich Einkommensstrukturen, die Lage auf dem Arbeitsmarkt und das Bildungsniveau einer Region aus. Diese Faktoren spiegeln nicht nur individuelle Lebenslagen wider, sondern auch strukturelle Unterschiede zwischen Regionen.

Beim Einkommen zeigt sich ein nichtlinearer Zusammenhang. In Kreisen mit mittlerem Durchschnittseinkommen nehmen Väter am häufigsten Elternzeit. Niedrige Einkommen erschweren dagegen die Entscheidung in Elternzeit zu gehen, da die damit einhergehenden finanziellen Einbuße kaum zu verkraften sind. Bei sehr hohen Einkommen sinkt die Väterbeteiligung ebenfalls. Mit dem Einkommen steigen die beruflichen Opportunitätskosten, auch weil das Elterngeld nach oben gedeckelt ist und ab einem monatlichen Verdienst von 2.700 Euro nicht mehr zwei Drittel des vorherigen Gehalts ersetzt.

Sehr eindeutig ist außerdem der Effekt der Arbeitslosenquote. Je höher die Arbeitslosenquote in einem Kreis, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit von Vätern, in Elternzeit zu gehen. Das zeigt, wie eng die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes mit der Entscheidung für oder gegen die Elternzeit verflochten ist. Wenn Väter Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, weil in dem Kreis eine hohe Arbeitslosigkeit besteht, dann sind sie seltener dazu bereit, eine berufliche Auszeit zu riskieren.

Der Anteil an Großunternehmen wirkt sich ebenfalls positiv auf die Höhe der Väterbeteiligung aus. In Großunternehmen gibt es häufiger formelle Regelungen zur Elternzeit, wodurch angestellte Väter eher zur Elternzeit ermutigt werden als in kleineren Betrieben.

Neben diesen wirtschaftlichen Aspekten erwies sich auch die soziodemographische Zusammensetzung des Kreises, insbesondere hinsichtlich Bildung, Alter und Staatsangehörigkeit, als entscheidend. In Kreisen mit einem höheren Anteil an Akademiker*innen ist die Väterbeteiligung signifikant höher. Dies lässt sich dadurch erklären, dass Väter mit einem höheren Bildungsgrad tendenziell egalitärere Geschlechterrollen und eine höhere Sensibilität für partnerschaftliche Arbeitsteilung aufweisen, weshalb sie häufiger in Elternzeit gehen. Interessant ist jedoch, dass dieser Zusammenhang in Ostdeutschland verschwindet. Hier sind traditionelle Rollenbilder historisch ohnehin weniger stark verankert, sodass der Faktor Bildung seinen erklärenden Einfluss verliert.

Weitere Unterschiede zeigen sich beim Alter der Eltern. Ältere Väter nehmen häufiger Elternzeit. Eine Rolle spielen hierbei die längere Erwerbstätigkeit sowie stabilere Beschäftigungsverhältnisse. In Ostdeutschland ist dieser Effekt besonders deutlich.

Ein zusätzlicher Faktor ist der Anteil der männlichen Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Kreise mit einem vergleichsweise hohen Migrationsanteil weisen tendenziell eine geringe Väterbeteiligung auf. Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze, etwa Unterschiede in Einkommen und Bildungszugängen oder kulturelle Vorstellungen über Familienarbeit.

Unabhängig von ökonomischen oder soziodemographischen Faktoren wurde der Einfluss einer Variable in meiner Analyse sehr deutlich: in der Frage, ob Väter in Elternzeit gehen, ist ein entscheidender Faktor, ob sie in Ost- oder Westdeutschland leben. Selbst wenn alle anderen Variablen konstant gehalten werden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Väter in Ostdeutschland Elternzeit nehmen, durchschnittlich 13 Prozentpunkte höher als in Westdeutschland. Die regionalen Prägungen sind damit ein eigenständiger Einflussfaktor. Vergleicht man die Modelle für Ost- und Westdeutschland getrennt, zeigen sich zudem unterschiedliche Wirkungsmechanismen. Während Einkommen und Bildung in Westdeutschland eine entscheidende Rolle spielen, verlieren sie im ostdeutschen Modell ihre Signifikanz. Andere Variablen wie das Alter zeigen dagegen in ostdeutschen Kreisen einen deutlich größeren Effekt.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Entscheidung von Vätern für oder gegen Elternzeit nicht allein von individuellen Kriterien abhängt, sondern maßgeblich durch regionale und strukturelle Rahmenbedingungen geprägt wird. Wo wirtschaftliche Sicherheit, stabile Einkommensstrukturen und eine günstige Lage auf dem Arbeitsmarkt gegeben sind, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Väter Elternzeit beanspruchen.

Trotz der zahlreichen positiven Effekte, die eine höhere Väterbeteiligung mit sich bringt, geht weniger als die Hälfte der Väter in Deutschland in Elternzeit. Wenn Väterbeteiligung gesellschaftlich gewünscht ist, braucht es daher Rahmenbedingungen, die es Familien ermöglichen, Elternzeit ohne existenzielle Risiken in Anspruch zu nehmen.

Literaturverzeichnis

Blohm, M. & Walter, J. (2016). Einstellungen zur Rolle der Frau und des Mannes. In Bundeszentrale für politische Bildung, Statistisches Bundesamt, WZB & SOEP (Hrsg.), Datenreport 2016: Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland (S. 428–431).

Karu, M. & Tremblay, D.‑G. (2018). Fathers on parental leave: An analysis of rights and take-up in 29 countries. Community, Work & Family, 21(3), 344–362.

Olafsson, A. & Steingrimsdottir, H. (2020). How Does Daddy at Home Affect Marital Stability? The Economic Journal, 130(629), 1471–1500.

Peltz, K., Streckenbach, L. A., Müller, D., Possinger, J. & Thiessen, B. (2017). „Die Zeit kommt nicht wieder“: Elterngeldnutzung erwerbstätiger Väter in Bayern. Journal of Family Research, 29(1), 114–135.

Sayer, L. C., Gauthier, A. H. & Furstenberg, F. F. (2004). Educational differences in parents’ time with children: Cross‐national variations. Journal of Marriage and Family, 66(5), 1152–1169.

Statistische Ämter des Bundes und der Länder. (2025). Statistik der Geburten. Zugriff am 23. November 2025, verfügbar unter https://www.regionalstatistik.de/genesis/online?operation=statistic&levelindex=0&levelid=1765407990124&code=12612#abreadcrumb

Statistisches Bundesamt. (2025). Statistik zum Elterngeld. Zugriff am 23. November 2025, verfügbar unter https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/22922/details

Tamm, M. (2019). Fathers’ parental leave-taking, childcare involvement and labor market participation. Labour Economics, 59, 184–197.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert