Soziale Klasse und Parteienwahl in Deutschland

By Glenn Carstens-Peters

Robin Saßmannshausen

Generationenkonflikt“, „Ost-West-Spaltung“, „Gender-Gap“ – kontemporäre Gesellschafts- und Wahlanalysen zeichnen diverse Konfliktlinien durch die bundesrepublikanische Gesellschaft. Während das gesellschaftliche Bewusstsein für identitätspolitische Themen in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist, verschwand der Fokus auf den Klassencharakter moderner Gesellschaften, welcher einst noch konstitutiv für den Parteienwettbewerb war. Diese Entwicklung manifestierte sich ab den 1980er Jahren in einer neuen Generation linker und rechter Parteien, die sich auf Basis einer als „value cleavage“ bezeichneten Konfliktdimension gründeten. Im Zuge dessen schlussfolgerten manche Autor:innen, dass das Konzept der sozialen Klasse als Analysekategorie für die Erforschung des Wahlverhaltens zunehmend an Erklärungskraft verliere und damit obsolet werde.

Aufgrund der in der Bundesrepublik steigenden Lohn- und Vermögensungleichheit, einer bis in die Kaiserzeit zurückreichenden Kontinuität deutscher Eliten sowie der Tatsache, dass rund jeder sechste Mensch in Deutschland in Armut lebt, zweifelte ich diesen Befund an. Zwar mag die materielle Realität der Wähler:innen an Aufmerksamkeit in politischen Debatten verloren haben, doch das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass diese irrelevant für die Wahlentscheidung geworden ist.

Vor diesem Hintergrund entwickelte ich im Rahmen meiner Bachelorarbeit folgende Forschungsfrage, die in diesem Blog konzis beantwortet werden soll: „Wie beeinflusst die soziale Klasse die Zweitstimmenvergabe bei Bundestagswahlen seit 2013?“

Als Datengrundlage dienen die Nachwahlbefragungen der German Longitudinal Election Study (GLES), die jeweils in den Wochen nach den Bundestagswahlen 2013, 2017, 2021 und 2025 durchgeführt wurden und aufgrund der Verwendung ähnlicher Fragebögen zu einem Datensatz zusammengefügt werden können. Das Konzept der sozialen Klasse wird triangulär basierend auf dem Haushaltsnettoeinkommen (1 – 13, d.h. unter 500 Euroüber 10000 Euro), dem Schulabschluss (1 – 5, d.h. kein AbschlussAbitur) sowie dem Beruf (8 Kategorien entlang verschiedener Arbeitslogiken und vertikaler Hierarchisierung) definiert.

Um die Validität des verwendeten Klassenschemas zu testen, können die acht Klassen im zweidimensionalen Raum entlang ihres durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens und Schulabschlusses geplottet werden. Ein Blick auf die linke Teilgrafik in Abbildung 1 offenbart die empirische Validität des theoretischen Klassenmodells – so zeigt sich, dass Wähler:innen aus der Bourgeoisie (z.B. Firmenbesitzer:innen) über das durchschnittlich höchste Einkommen und Bildungsniveau verfügen, während Angehörige anderer akademischer Berufsklassen – der theoretischen Erwartung entsprechend – ebenfalls überdurchschnittliche Einkommens- und Bildungswerte aufzeigen. Auf der anderen Seite sind es Produktionsarbeitende (z.B. Elektriker:innen) sowie Wähler:innen in Dienstleistungsberufen (z.B. Verkäufer:innen), die sozioökonomisch am prekärsten aufgestellt sind.

Die rechte Teilgrafik in Abbildung 1 platziert nun die Wähler:innenschaften deutscher Parteien in diesem zweidimensionalen Raum. Hier wird evident, dass nicht die im Volksmund oft mit „Sylt“, „Schampus“ und „Segelyacht“ assoziierten Wähler:innen der FDP, sondern die Wähler:innen der Grünen am sozioökonomisch privilegiertesten scheinen. Dem entgegengesetzt ziehen CDU/CSU, SPD und AfD ein ähnliches Wähler:innenklientel an, welches durchschnittlich einen Realschulabschluss bis Fachhochschulreife besitzt sowie über ein Durchschnittseinkommen verfügt. Am auffälligsten ist jedoch wohl die Position der Nichtwähler:innen, deren sozioökonomisches Profil mit Abstand am prekärsten ist. Diese Beobachtung stimmt mit den Erkenntnissen anderer Autor:innen überein, die erkennen, dass die Unterprivilegiertesten erst gar nicht an Wahlen teilnehmen statt von rechtsradikalen Parteien mobilisiert zu werden.

Abbildung 1: Klassen und Wähler:innenschaften im soziostrukturellen Raum

(Quelle: eigene Darstellung; die linke Teilgrafik (N = 5147) beruht auf den GLES Nachwahlbefragungen 2013-2021; die rechte Teilgrafik (N = 11042) auf den GLES Nachwahlbefragungen 2013-2025; die eingezeichneten Achsen markieren den Durchschnittswert der jeweiligen Variable im Datensatz; die unterschiedlich gesetzten Achsen beruhen auf der Tatsache, dass für die rechte Teilgrafik auch die Daten der GLES Nachwahlbefragung 2025 verwendet wurden)

Allerdings variiert das Wahlverhalten bei Bundestagswahlen nicht nur nach Einkommen und Bildung, sondern auch nach Berufsklasse. Während die Unionsparteien und die SPD über alle Klassen hinweg recht ähnlich abschneiden, zeigen sich speziell für die Grünen und FDP klare Hochburgen. In Übereinstimmung mit dem sozioökonomischen Profil aus Abbildung 1, werden die Grünen im akademischen Milieu – den vier oberen Klassen aus Abbildung 2 – präferiert. In der Klasse der sozio-kulturellen Professionen (z.B. Journalist:innen) sind sie gar die beliebteste Partei. Währenddessen ist die FDP als „Unternehmer:innenpartei“ erwartungsgemäß in der (Petite) Bourgeoisie am erfolgreichsten. Indes ist der geschätzte Nichtwähler:innenanteil in nicht-akademischen Gefilden signifikant höher und erreicht bei Dienstleistenden sein Maximum.

Abbildung 2: Zweitstimmenverteilung nach Klasse

(Quelle: eigene Berechnungen auf Basis der GLES Nachwahlbefragungen 2013-2021, N = 5874)

Die zu Beginn formulierte Forschungsfrage: „Wie beeinflusst die soziale Klasse die Zweitstimmenvergabe bei Bundestagswahlen seit 2013?“ kann basierend auf diesen Ergebnissen gleichwohl nicht pauschal beantwortet werden, sondern ist von der jeweils betrachteten Klasse bzw. Partei abhängig. Nichtsdestotrotz kann festgehalten werden, dass das Konzept der sozialen Klasse für die Erforschung des Wahlverhaltens noch immer relevant ist. Wir sehen signifikante Unterschiede im sozioökonomischen Profil verschiedener Wähler:innenschaften sowie in der Parteienpräferenz verschiedener Berufsklassen.

Etwaige Erklärungen für die gefundenen Muster können beispielsweise in dem Einfluss der sozialen Klasse auf politische Einstellungen gesucht werden. So könnte ein hohes Bildungsniveau zu einem Abbau von Vorurteilen gegenüber fremden Kulturen führen, was sich möglicherweise in der Wahl linkerer Parteien widerspiegelt. Auf der anderen Seite ist denkbar, dass ein hohes Einkommen zu einer Aversion gegenüber stärkeren Umverteilungsmaßnahmen führt und in der Folge wirtschaftsliberalere Parteien gewählt werden. Da politische Einstellungen in dieser Arbeit nicht untersucht wurden, kann hier jedoch kein abschließendes Urteil über konkrete Wahlmotive getroffen werden.

Außerdem ergeben sich bestimmte Limitationen aus dem genutzten Datensatz. Die geschätzten AfD- und Nichtwähler:innenanteile in Abbildung 2 liegen eindeutig unter den tatsächlichen Anteilen im untersuchten Zeitraum. Dies liegt einerseits an Effekten sozialer Erwünschtheit und andererseits daran, dass für politisch Interessierte eine höhere Teilnahmewahrscheinlichkeit besteht. In der Konsequenz besteht die Möglichkeit, dass die erfassten AfD- und Nichtwähler:innen keine repräsentative Abbildung ihrer tatsächlichen Gruppen sind. Zudem konnten die acht Berufsklassen nur für die Bundestagswahlen bis 2021 abgebildet werden, da der aktuelle Datensatz zur Bundestagswahl 2025 die zur Kodierung notwendigen ISCO-Codes noch nicht beinhaltet.

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