Was erklärt Stabilität und Veränderung in Europäischer Solidarität?

Jakob J. Eicheler

In den letzten Jahren erschienen zahlreiche Studien, die untersuchen, welche Faktoren die Unterstützung Europäischer Solidarität (also die individuelle Bereitschaft, Ressourcen mit anderen innerhalb der Europäischen Union zu teilen) erklären. Allerdings haben diese Studien bisher nur – mit wenigen Ausnahmen und noch nie über die drei dominanten Erklär-Ansätze hinweg vergleichend– Daten untersucht, die zu einem Zeitpunkt erhoben worden. Damit können diese Studien zwar die Frage beantworten, wer an einem gewissen Zeitpunkt Europäische Solidarität gezeigt hat und welche Eigenschaften damit zu diesem Zeitpunkt korreliert haben. Sie können aber keinen Aufschluss geben, was Stabilität und Veränderung in Europäischer Solidarität erklärt. Das zu verstehen ist wichtig, weil sich nur mit diesem Wissen mögliche Strategien zur Stärkung Europäischer Solidarität entwickeln und Vorhersagen treffen lassen, beispielsweise zu der Frage, wie sich eine Veränderung der wirtschaftlichen Bedingungen auf Europäische Solidarität auswirkt.

Abbildung 1: Untersuchte Einflussfaktoren auf Europäische Solidarität in den vier untersuchten Dimensionen

Europäische Solidarität ist ein multidimensionales Konzept. Ich untersuche vier Unter-Dimensionen: Territoriale Solidarität (Reduzierung von ökonomischer Ungleichheit zwischen den EU-Ländern), Fiskalische Solidarität (Finanzielle Unterstützung für von Krisen betroffene EU-Länder), Wohlfahrts-Solidarität (staatliche Unterstützung für EU-Bürger in anderen EU-Ländern), und Unterstützung für die Europäische Sozialbürgerschaft (Gewährung sozialer Rechte für EU-Bürger).

Es gibt es drei zentrale Ansätze, um Europäische Solidarität zu erklären: Identitäts-basierte, Werte-basierte, und Utilitaristische Ansätze. Der Identitäts-basierte Ansatz erwartet, dass jene mit stärkerer Europäischer und schwächerer nationaler Identität Europäische Solidarität stärker unterstützen. Der Werte-basierte Ansatz erwartet, dass jene mit einer linkeren sozio-ökonomischen Orientierung (z.B. mit stärkerer Befürwortung von Umverteilung) sowie mit einer transnationaleren sozio-kulturellen Orientierung (z.B. mit stärkerer Befürwortung von Einwanderung) Europäische Solidarität stärker unterstützen. Schließlich erwartet der utilitaristische Ansatz, dass jene in einer besseren persönlichen wirtschaftlichen Situation und mit einer positiveren Wahrnehmung der nationalen wirtschaftlichen Lage Europäische Solidarität stärker unterstützen. Welche dieser Faktoren erklären nun aber Veränderungen über die Zeit am besten?

Zur Beantwortung dieser Frage verwende ich Daten aus zwei Längsschnitt-Befragungen der deutschen Wohnbevölkerung. Bei Längsschnitt-Befragungen werden Befragte zu mindestens zwei Zeitpunkten befragt, sodass sich Stabilität und Veränderung untersuchen lassen. Zum einen verwende ich das GLES-Panel, Teil der deutschen Wahlstudie zur Bundestagswahl. Dieses hat im Mai/Juni 2019 sowie im Mai 2022 Daten von 6.289 Befragten erhoben. Zum anderen verwende ich das PSDE-Panel, dessen Daten wir im durch den European Research Council geförderten POLITSOLID-Projekt (Grant No. 864818) selbst unter Leitung von Achim Goerres im Juli und Dezember 2023 für 1.519 Befragte erhoben haben. Die Abstände von fünf Monaten bzw. drei Jahren erlauben es zu untersuchen, ob sich die Erklärungsfaktoren für verschiedene Zeiträume unterscheiden.

Die Ergebnisse zeigen, dass 44-57% der deutschen Befragten sowohl über fünf Monate wie auch drei Jahre ihr Niveau Europäischer Solidarität gehalten haben. Dabei gab es wenige Unterschiede zwischen den soziodemografischen Gruppen, also etwa nach Alter, Geschlecht und Bildung. Eine stärkere Identifikation mit Europa, eine linke sozio-ökonomische und eine transnationale sozio-kulturelle Orientierung standen in Zusammenhang mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit, die Unterstützung für Europäische Solidarität zu reduzieren.

Was erklärt nun die Veränderung der Europäischen Solidarität über die Zeit? In der Analyse zeigte sich, dass der konsistenteste und stärkste erklärende Faktor Veränderungen auf der soziokulturellen Dimension war: Wer beispielsweise Migration über die Zeit stärker befürwortete, der unterstützte sehr wahrscheinlich auch Europäische Solidarität stärker. Veränderungen in der sozio-ökonomischen Dimension zeigten ebenfalls einen Zusammenhang, dieser war jedoch durchgehend schwächer ausgeprägt. Für die Identitäts-basierte Erklärung fand sich gemischte Evidenz: Während eine stärkere Europäische Identifikation tatsächlich überwiegend mit stärkerer Unterstützung Europäischer Solidarität zusammenhing, war der Effekt der nationalen Identifikation nicht eindeutig und zeigte sogar widerstreitende Effekte. Schließlich zeigte sich wenig Evidenz für die utilitaristische Erklärung: Die individuelle wirtschaftliche Lage und die Wahrnehmung der der nationalen wirtschaftlichen Lage zeigten keine oder nur kleine Zusammenhänge mit der Unterstützung Europäischer Solidarität.

Die Studie liefert Belege dafür, dass die sozio-kulturelle Dimension zur Erklärung von Veränderungen am wichtigsten ist. Das ist unter anderem deshalb interessant, weil wir in der Politikwissenschaft insgesamt beobachten, dass sozio-ökonomische Konflikte an Relevanz für den politischen Wettbewerb verlieren, während die Bedeutung sozio-kultureller Konflikte zunimmt. Das Ergebnis, dass nationale und Europäische Identität einen nicht so starken Einfluss haben wie in vorherigen Studien, die die zeitliche Dimension nicht berücksichtigen, deutet darauf hin, dass der in der Forschung bisher postulierte starke Einfluss der Identität überschätzt wird: Einerseits kann dies daran liegen, dass Identität sehr „fest“ sind und sich über die Zeit nur wenig verändert, und daher auch nur wenig Einfluss auf Europäische Solidarität zeigt. Andererseits kann dies auch darauf hindeuten, dass bisherige Studien in Bezug auf Identität konfundiert waren: Wenn z.B. Personen mit starker Europäischer Identität auch stark von Europäischer Solidarität profitieren, und in der Analyse nicht für das Profitieren von Europäischer Solidarität kontrolliert wird, könnten der Einfluss Europäischer Identität überschätzt werden. Das Längsschnitt-Design dieser Studie kontrolliert für solche Zusammenhänge, die innerhalb von Personen über die Zeit stabil bleiben. Schließlich zeigt der geringe Einfluss ökonomischer Faktoren, dass nicht davon auszugehen ist, dass mit einer verbesserten wirtschaftlichen Lage die Europäische Solidarität automatisch ansteigt.

Die Ergebnisse der Studie sind nicht frei von Einschränkungen: Zum einen untersuche ich nur deutsche Befragte. Das schränkt die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse auf andere europäische Länder ein. Zum anderen konnte ich nur Daten aus zwei Erhebungswellen analysieren. Mehr Daten würden eine genauere Schätzung der Effekte erlauben.

Insgesamt zeigt die Studie, dass der Werte-basierte Ansatz, insbesondere mit Veränderungen auf der sozio-kulturellen Dimension, Veränderungen in Europäischer Solidarität am besten erklärt. Darüber hinaus müssen zur Stabilisierung Europäischer Solidarität nicht jene mit einer hohen Europäischen Solidarität erreicht werden, sondern jene mit einer geringen Europäische Solidarität.

Link zur Homepage des POLITSOLID-Projekts: https://achimgoerres.de/politsolid

Hinweis:
Dieser Blog basiert auf dem Artikel „What drives European solidarity? Evidence on identity-based, value-based, and utilitarian explanations”, der in European Union Politics veröffentlicht wurde.

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