Mehrfache Parteianhänger und ihre Bedeutung für die Wahlforschung

von Sabrina Mayer

Welche Gründe für die Wahlentscheidung eines Bürgers ausschlaggebend sind, ist eine der zentralen Fragen der Wahlforschung.

Dabei ist seit den 1950er Jahren bekannt, dass viele Bürger eine Parteiidentifikation, eine dauerhafte, psychologische Bindung an eine politische Partei aufweisen. Diese Bürger geben über längere Zeit an, einer Partei „nahe“ zu stehen und sich als Anhänger einer Partei zu fühlen. In Deutschland wird den Wählerinnen und Wählern dabei die Frage gestellt:

Viele Leute in der Bundesrepublik neigen längere Zeit einer bestimmten Partei zu, obwohl sie auch ab und zu eine andere Partei wählen. Wie ist das bei Ihnen? Neigen Sie – ganz allgemein gesprochen – einer bestimmten Partei zu?“

Nachdem in den 1960er Jahren in Deutschland noch knapp 80 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung an eine Partei gebunden waren, hat sich dieser Wert heute auf etwas zwei Drittel reduziert. In den neuen Bundesländern liegt er dabei knapp 8-10 Prozentpunkte niedriger.

Diese Identifikation mit einer Partei kann das politische Verhalten entscheidend beeinflussen: Anhänger einer Partei wählen diese wesentlich häufiger als Nicht-Anhänger. Sie entscheiden sich zudem früher als Nicht-Anhänger, wie sie bei einer Wahl stimmen werden,  sind sich in dieser Entscheidung sicherer und wählen seltener mit Erst- und Zweistimme unterschiedliche Parteien. Für die Wahlentscheidung selbst spielt aber nicht nur die Parteiidentifikation eine Rolle, sondern auch kurzfristige Faktoren können die Wahl beeinflussen: So ist es für die Wähler auch wichtig, welche Partei in ihren Augen geeignet ist, die wichtigsten Probleme in Deutschland zu lösen und wie sie die Kandidaten der Parteien einschätzen.

Schlussendlich ist die Parteiidentifikation aber der stärkste Grund, eine Partei zu wählen: Bei der letzten Wahl wählten zwischen 60 und 80 Prozent der Anhänger auch die Partei, mit der sie sich identifizieren. Die Parteiidentifikation ist also eine wichtige Erklärungsgröße in der Politikwissenschaft.

Es ist denkbar, dass sich Wähler nicht nur mit einer, sondern mit mehreren Parteien identifizieren. So kann ein Wähler nicht nur der SPD, sondern auch den GRÜNEN nahe steht. Aus der Forschung zu mehrfachen Bindungen ist auch bekannt, dass mehrfache Bindungen mit größeren inhaltlichen Überschneidungen einfacher und dauerhafter sind. Eine mehrfache Bindung an SPD und GRÜNE sollte daher für Wähler einfacher aufrecht zu erhalten sein, da sich die Parteien in vielen Punkten inhaltlich ähneln. Eine gleichzeitige Bindung an FDP und GRÜNE ist hingegen schwieriger, da die inhaltlichen Überschneidungen wesentlich geringer sind. Eine mehrfache Bindung sollte dazu führen, dass die Wahlentscheidung später, weniger sicher erfolgt und häufiger Erst- und Zweitstimme verschiedenen Parteien gegeben werden.

Mehrfache Partei-Bindungen (MPI) konnten bis jetzt für Deutschland kaum untersucht werden, da die Frage, welcher Partei man „zuneigt“, nur eine Parteibindung misst.

In einer Studie zur Bundestagswahl 2013 wurden jedoch Fragen für die Parteiidentifikation getestet, die die Messung mehrfacher Bindungen möglich machen[i]. Insgesamt gibt es nun fünf neue Varianten, solche Bindungen zu messen. Eine einfache Möglichkeit besteht darin, direkt nach der Frage, welcher Partei man zuneigt, noch eine zweite Frage zu stellen „Gibt es eine weitere Partei, der Sie zuneigen?“, mit den Antwortoptionen von 1 „stimme überhaupt nicht zu“ über 4 „teils/teils“ bis 7 „stimme voll und ganz zu“.[ii] Eine andere darin, direkt für die größeren Parteien (CDU, SPD, GRÜNE, FDP, LINKE) zu fragen, ob man sich  mit dieser Partei identifiziert. Da die erste Variante oft kritisiert wird[iii], soll die zweite Variante genutzt werden.[iv]

Von den knapp 1000 Befragten weisen knapp 31,4 Prozent überhaupt keine Parteibindung auf.

Etwa vierzig Prozent der Befragten identifiziert sich nur mit einer Partei, die restlichen 29,1 Prozent mit zwei oder mehreren Parteien.

Wie verteilen sich diese Bindungen nun auf die Parteien? Kommen Bindungen innerhalb politischer Lager, wie zwischen der SPD und den GRÜNEN tatsächlich häufiger vor?

Tatsächlich sind die meisten mehrfachen Bindungen innerhalb politischer Lager zu finden, als zwischen diesen Lagern. Von den doppelten Anhängern in der Befragung weisen SPD-GRÜNE den höchsten Anteil auf (36,7), gefolgt von CDU-FDP (14,9) und GRÜNE-LINKE (14,9).

Anzahl Prozent aller doppelten Anhänger
CDU-FDP 33 14,93
SPD-GRÜNE 81 36,65
SPD-LINKE 24 10,86
GRÜNE-LINKE 33 14,93
CDU-SPD 19 8,60
CDU-GRÜNE 13 5,88
CDU-LINKE 10 4,52
SPD-FDP 4 1,81
FDP-GRÜNE 4 1,81
Total 221

 

Dabei sind mehrfache Bindungen mit der LINKE (SPD-LINKE und GRÜNE-LINKE) bei Befragten aus den neuen Bundesländern wesentlich wahrscheinlicher (10,4 Prozent der ostdeutschen, 4,6 Prozent der westdeutschen Befragten weisen eine solche doppelte Bindung auf).

Eine mehrfache Bindung wirkt sich auch auf das Wahlverhalten aus. Im Vergleich zu einzelnen Anhängern wählen mehrfache Anhänger genau so häufig wie Nicht-Anhänger mit Erst- und Zweitstimme unterschiedliche Parteien. Dieses Stimmensplitting wird von mehrfachen Anhängern vielleicht als Möglichkeit aufgefasst, ihre unterschiedlichen Bindungen bei der Wahl zu berücksichtigen. Dieser Zusammenhang ist dabei unabhängig von der Bildung eines Befragten, auch mehrfache Anhänger mit Abitur splitten häufiger ihre Stimmen, als einzelne Anhänger.   Die Wahlentscheidung fällt bei mehrfachen Parteianhängern später als bei einzelnen Anhängern. Knapp ein Drittel der mehrfachen Anhänger gibt an, sich erst wenige Woche vor der Wahl entschieden zu haben, während der Anteil bei den einzelnen Anhängern bei knapp einem Viertel liegt. Allerdings entscheiden sich Nicht-Anhänger immer noch später als mehrfache Anhänger. Da mehrfache Anhänger sich mehreren Parteien verbunden fühlen, jedoch mit der Zweitstimme nur eine Partei wählen können, erscheint auch das letzte Ergebnis logisch: Mehrfache Anhänger treffen zudem ihre Wahlentscheidung mit der höchsten Unsicherheit, knapp zwei Drittel geben an, in den Wochen vor der Bundestagswahl überlegt zu haben, auch eine andere Partei zu wählen.

 

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Stimmensplitting: Erst- und Zweitstimme wurde für unterschiedliche Parteien abgegeben

 

Spätentscheider: Die Befragten wurden gefragt, wann sie sich entschieden haben, welche Partei sie mit der  Zweitstimme wählen werden, die Antwortkategorien „Ich habe mich in den letzten Wochen /Tagen/am Wahltag entscheiden“ würden als Spätentscheider zusammengefasst

Unsicherheit: Alle Befragten, die die Frage „Haben Sie im Vorfeld der letzten Bundestagswahl einmal überlegt, Ihre Zweitstimme einer anderen Partei zu geben?“ mit Ja beantwortet haben.

Wie zu sehen war, verhalten sich mehrfache Anhänger oft anders als einzelne Anhänger. In bisherigen Studien konnten diese beiden Gruppen jedoch nicht klar getrennt werden, was die Untersuchung der Effekte der Parteibindung sicherlich verzerrt. Weitere Untersuchungen, gerade auch zu Anhängern zwischen politischen Lagern, sind geplant.

 

Quellen:

Arzheimer, Kai. 2012. Mikrodeterminanten des Wahlverhaltens: Parteiidentifikation. In Wählerverhalten in der Demokratie. Eine Einführung, Hrsg. Oscar W. Gabriel, und Bettina Westle, 223–246. Baden-Baden: Nomos.

Belknap, George, und Angus Campbell. 1951. Political Party Identification and Attitudes Toward Foreign Policy. Public Opinion Quarterly 15: 601–623. doi: 10.1086/266348.

Campbell, Angus, Philip E. Converse, Warren E. Miller, und Donald E. Stokes. 1960. The American voter. Chicago: Univ. of Chicago Pr.

Postmes, Tom, S. Alexander Haslam, und Lise Jans. 2013. A single-item measure of social identification: Reliability, validity, and utility. British Journal of Social Psychology 52: 597–617. doi: 10.1111/bjso.12006.

Reysen, Stephen, Iva Katzarska-Miller, Sundé M. Nesbit, und Lindsey Pierce. 2013. Further validation of a single-item measure of social identification. European Journal of Social Psychology: 463–470. doi: 10.1002/ejsp.1973.

Roccas, Sonia, und Marilynn B. Brewer. 2002. Social Identity Complexity. Personality and Social Psychology Review 6: 88–106.

Schmitt, Hermann. 2009. Multiple Party Identifications. In The Comparative Study of Electoral Systems., Hrsg. Hans-Dieter Klingemann, 137–157. Oxford: Oxford University Press.

Schoen, Harald, und Cornelia Weins. 2005. Der sozialpsychologische Ansatz zur Erklärung von Wahlverhalten. In Handbuch Wahlforschung, Hrsg. Jürgen W. Falter, und Harald Schoen, 187–242. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

 


[i] Die Befragung wurde mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung durchgeführt, insgesamt wurden vom 22. November bis 2. Dezember 2013 über ein Online-Access-Panel knapp 1000 Personen online befragt. Da nur nach Alter und Bundesland quotiert wurde und die Befragung in einem Online-Access-Panel stattfand, ist die Befragung natürlich nicht repräsentativ für Deutschland.

[ii] Adaption des Single Item Social identification measure von Postmes et al. (2013) und Reysen et al. (2013).

[iii] Eine solche Frageformulierung wird oftmals kritisiert, da sie durch diese sehr direkte Formulierung leicht dazu führt, dass die Anteile mehrfacher Anhänger zu hoch liegen (Schmitt 2009). Allerdings unterscheiden sich die Anteile für diese Variante kaum von den anderen Varianten, der Anteil der mehrfachen Parteianhänger bei dieser Frageformulierung liegt etwa 2,5 Prozentpunkte höher.

[iv] Jeder, der mit einem Wert über 4 geantwortet hat, wird als Anhänger der Partei gezählt.

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