Mythos Erdogan-Fans: Warum die Unterstützung der Türken in Deutschland für Erdogan gar nicht so hoch ist

Von Achim Goerres

Im Juni 2018 wurden in der Türkei Parlaments- und Präsidentschaftswahlen abgehalten. Im Vorfeld wurde diese enorm in den deutschen Medien diskutiert. Da lief zum einen ein sehr aktiver Wahlkampf türkischer Politiker in Deutschland ab. Solch eine intensive Ansprache von Wählern im Ausland ist eine äußerst seltene Erscheinung, da sich der Wahlkampf üblicherweise auf das eigene Land konzentriert. Zum anderen wurde die Loyalität der Türken in Deutschland zu einem autokratischen Präsidenten in einem Land kritisiert, das gemäß den allgemeinen Bewertungen des Freedom House Index (2018) von „partly free“ zu „not free“ herabgestuft worden war.

Nach der Wahl fand sich immer wieder die Zahl 62,8. 62,8 % der Stimmen aus Deutschland gingen an Erdogan; eine Mehrheit schien den autokratischen Kandidaten gewählt zu haben. Tatsächlich ist diese Zahl zwar nicht falsch, aber irreführend, weil sie die Registrierung und Wahlbeteiligung außer Acht lässt.

Die Türken in Deutschland standen ganz und gar nicht mit einer Mehrheit hinter Erdogan. In Deutschland lebten laut dem Mikrozensus 1.425.000 volljährige türkische Staatsbürger, die keine deutsche Staatsbürgerschaft hatten, sowie etwa 200.000 doppelte Staatsbürger. Insgesamt waren also 1.625.000 türkische Staatsbürger in Deutschland für die türkische Wahl wahlberechtigt. Aus dieser Gruppe waren laut den türkischen Berichten 1.400.000 Türken für die Wahl registriert, es fehlten also 225.000, von denen unklar war, ob sie noch in der Türkei oder etwa gar nicht registriert waren. Von den registrierten Wählern nahmen nur 610.000 tatsächlich an der Wahl teil, die große Mehrheit der Türken in Deutschland – je nach Berechnungsgrundlage zwischen 790.000 und 1.015.000 – hatten gar nicht an der Wahl teilgenommen.

Damit zeigt sich erst einmal überwältigend, für die Gesamtgruppe der Türken in Deutschland, eine mangelnde Bereitschaft an der türkischen Wahl teilzunehmen. Ob dies aus mangelndem Interesse oder Resignation ob der politischen Situation in der Türkei geschieht, können wir nicht beurteilen. Die politische Teilhabe türkischer Staatsbürger in Deutschland am türkischen Prozess wurde damit nur durch eine Minderheit ausgeübt.

Von den 1.625.000 volljährigen Türken in Deutschland wurden nur 383.000 Stimmen dem Kandidaten Erdogan gegeben. Dies waren dann nicht 62,8 %, sondern nur 23,5 % aller Türken in Deutschland. Damit entschieden sich nicht einmal ein Viertel aller Türken für Erdogan.

Dass die Türken in Deutschland hinter Erdogan stehen, ist ein falscher Mythos. Dieser Mythos entstand vermutlich aufgrund der einprägsamen Bilder von türkischen Fahnenmeeren, die durch die Medien gingen. Bei vielen organisierten Auftritten bereits zum Referendum 2017 und wieder bei der Wahl 2018 sah man große organisierte Menschenmassen, die türkische Fahnen in Unterstützung für Erdogan oder seine Politik schwenkten. Diese Bilder wurden fälschlicherweise als Analysegrundlage für die ganze Community genommen, gleichsam als ob man die Protestierer gegen die Abholzung des Hambacher Forsts als Querschnitt der deutschen Gesellschaft nähme.

Innerhalb der türkischen Community in Deutschland gibt es darüber hinaus große Unterschiede. Wir wissen beispielsweise vieles über deutsche Staatsbürger türkischer Herkunft, d.h. die selbst nach Deutschland eingewandert sind oder einen Elternteil haben, auf den diese Beschreibung zutrifft. Dazu habe ich mit Dennis Spies und Sabrina Mayer die erste deutsche Migrantenwahlstudie durchgeführt. Diese Gruppe deutscher Staatsbürger überlappt zum Teil mit der gerade beschriebenen, nämlich bei den doppelten türkisch-deutschen Staatsbürgern, und besteht aus weiteren Menschen türkischer Herkunft, die keine türkische Staatsangehörigkeit mehr besitzen.

In dieser Gruppe der deutschen Staatsbürger ist der Politiker Erdogan extrem unbeliebt. Auf die Frage: „Was halten Sie im Allgemeinen von Erdogan auf einer Skala von -5 bis +5?“ bewerteten sie ihn im Schnitt mit -2,5. In der Gruppe der Aleviten, einer in der Türkei benachteiligten Religionsgruppe, wurde er im Mittel mit -4,3 bewertet; in der Gruppe der Kurden wurde Erdogan durchschnittlich mit -4,2 bewertet.

Wir haben die doppelten Staatsbürger auch nach ihrer Abstimmung beim Referendum im Jahr 2017 gefragt, bei dem eine Stärkung des Präsidenten nebst einer Schwächung der Justiz vorgeschlagen war, und erfahren, dass nur 22 % von ihnen für den Vorschlag im Sinne Erdogans gestimmt haben. Unter den deutschen Staatsbürgern ohne türkische Staatsangehörigkeit hätten, wenn sie gedurft hätten, nur 16 % für den Vorschlag gestimmt. Wir sehen also auch hier keine große Unterstützung der Politik Erdogans.

Damit will ich nicht schreiben, dass es keinerlei Support für Erdogan in der Gruppe der deutschen Staatsbürger türkischer Abstammung gibt. Bei der Bundestagswahl 2017 trat die Allianz Deutscher Demokraten nur mit einer NRW-Landesliste an. Diese Partei warb mit türkischsprachigen Plakaten mit Bildern Erdogans beispielsweise in Duisburg und Köln um die Stimmen der Deutschtürken. Obwohl sie insgesamt nur 0,1 % der Zweitstimmen holte, lag ihre von uns geschätzte Unterstützung in der Gruppe der Deutschtürken bei etwa 12 % in NRW. Unsere Schätzungen zeigen auch, dass Erdogan in der Gruppe der Jüngeren etwas weniger unbeliebt war als in der Gruppe der Älteren, ein Effekt, der mit etwas stärkerer Religiosität unter den Jüngeren erklärt werden kann. Erdogan genießt also etwas mehr Unterstützung in der Gruppe der jüngeren deutschen Staatsbürger türkischer Herkunft. Doch ist diese Unterstützer-Gruppe klein, und die Zukunft wird zeigen, ob sie Erdogan dauerhaft etwas stärker favorisiert als ihre Eltern und Großeltern.

Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags erfolgte im studentischen Magazin „Hammelsprung – Magazin für politische Entscheidungen“ unter: hammelsprung.net.

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