Echte Gefühle: vom Fußball- zum Wahlergebnis

Von Florian Rabuza

Die öffentliche Bedeutung von Fußball in Deutschland ist enorm. Kein Sport hat auch nur annähernd so viele Anhänger. In einem neuen Forschungsbeitrag können Robin Arens, Achim Goerres und ich zeigen, dass die Fußballbundesliga tatsächlich elektorale Konsequenzen zeigt: Bei der Bundestagswahl 2013 ist das Ergebnis der damaligen Regierungsparteien auf Wahlkreisebene besser als im Jahre 2009, wenn der Bundesligaverein, der im Wahlkreis beheimatet ist, am Wahlwochenende gewinnt. Dieses Ergebnis reiht sich in die Forschung zum Zusammenhang von nichtpolitischen Ereignissen und daraus resultierenden Emotionen ein, die Wahlverhalten beeinflussen. Das Forschungspapier erhalten Sie hier: goo.gl/hDvXUH

Die gesellschaftliche Bedeutung von Fußball in Deutschland ist enorm. Schon der Blick auf ein paar Zahlen macht dies überdeutlich: die 18 Bundesliga-Clubs verzeichneten am Ende des Jahres 2015 zusammen etwas mehr als 900.000 Mitglieder (Statista 2015) und für den Deutschen Fußball Bund weist die Statistik knapp 6,9 Millionen Mitglieder aus (DSSV 2016). In der Spielzeit 2014/2015 haben ungefähr 13,3 Millionen Fans die Spiele live im Stadion verfolgt (Statista 2016) und auch bei den Konsumausgaben im Sportbereich rangiert der Fußball in Deutschland in herausgehobener Stellung. So geben alleine zwanzig Prozent der mindestens sechzehnjährigen Deutschen, die sich für Sport interessieren, Geld für Fußball aus. Zum Vergleich: Handball als zweitbeliebteste Sportart erreicht gerade mal einen Anteil von 4,5 Prozent in dieser Zielgruppe. Die Deutschen sind fußballverrückt, eine Tatsache, die sich über alle soziale Schichten hinweg manifestiert. Wenn Fußball für uns also so wichtig ist, wäre es also nicht auch denkbar, dass Fußball sich auch politisch z.B. auf den Ausgang von Wahlen niederschlägt, indem er das Verhalten von Wählerinnen und Wählern beeinflusst? Kurze Antwort: Ja! Doch der Reihe nach.

Politikwissenschaftler in den Vereinigten Staaten haben bereits die Bedeutsamkeit nichtpolitischer Ereignisse für Wahlen nachgewiesen. Dinge, die mit Politik unmittelbar rein gar nichts zu tun haben bzw. kaum durch die Politik beeinflussbar sind, wirken sich trotzdem auf politisches Verhalten von Bürgerinnen und Bürgern aus. Wie funktioniert das? Wählerinnen und Wähler scheinen positive oder negative Emotionen, die z.B. durch Haiattacken, Dürreperioden oder Grippeepidemien ausgelöst sind, durch einen komplexen mentalen Prozess den politischen Amtsinhabern zuzuschreiben. Die Konsequenzen sind Belohnung oder Abstrafung an der Wahlurne. Achen und Bartels (2004) bezeichnen dieses Verhalten als blind retrospection, da Kandidaten oder Parteien für Dinge belohnt oder bestraft werden, die sie nicht beeinflussen können und die zudem mit Politik primär nichts zu tun haben. Blind retrospection ist damit ein Beispiel für irrationales Wählerverhalten, da die Entscheidungsgrundlage der Wählerinnen und Wähler nicht sinnvoll mit politischen Amtsträgern in Beziehung gesetzt werden können. Die zentrale Größe, die Ereignis und Verhalten verbindet, ist die Emotion. Jüngste Studien beschäftigen sich deshalb konsequenterweise auch mit den Auswirkungen von Sportereignissen, insbesondere American Football für Wählerverhalten (Fowler and Montagnes 2015; Healy and Malhotra 2010; Healy et al. 2010). Hier sind Zusammenhänge empirisch feststellbar: Je positiver das Ergebnis ausfällt, desto besser ist das Wahlergebnis des Amtsinhabers.

Wenn man sich nun die eingangs erwähnten Stellenwert von Fußball in Deutschland vergegenwärtigt, so liegt es nahe, dass das Potential vorhanden sein sollte, dass Fußballergebnisse Wahlen beeinflussen können. Bundesligafußball erfüllt alle Voraussetzungen, unter denen blind retrospection elektoral wirksam werden kann. Zum einen ruft Fußball bei sehr vielen Menschen in Deutschland teils starke Emotionen hervor, da er für viele Menschen eine große Rolle im persönlichen Leben spielt. Zum anderen finden die Spiele der Fußballbundesliga in hinreichender zeitlicher Nähe zum Wahltag von Bundestagswahlen statt, so dass die Emotionen noch frisch und damit wirksam sein können. Empirisch getestet hat diese Vermutung aber noch niemand. Bis jetzt.

Robin Arens, Achim Goerres und ich haben untersucht, inwiefern Fußballergebnisse der 1. Herren-Bundesliga einen Effekt auf das Wahlergebnis auf Wahlkreisebene bei der Bundestagswahl 2013 hatten. Uns interessierte im Sinne der blind retrospection-Theorie, die ja davon ausgeht, dass die Amtsinhaber bestraft werden vor allem das Zweitstimmenergebnis der damaligen Regierungsparteien CDU/CSU und FDP. Daneben haben wir uns aber auch Effekte auf die Höhe des Wahlergebnisses innerhalb der Wahlkreise angesehen. Methodisch wurde dabei folgendermaßen vorgegangen. Für alle Wahlkreise, die einen Bundesligisten beheimaten und solche, die an einen Bundesligawahlkreis angrenzen, wurde statistisch getestet, ob sich das Wahlergebnis für die Regierungsparteien im Vergleich zur Bundestagswahl 2009 verbessert, wenn die Mannschaft gewonnen hat und vice versa. Da sich Wahlkreise, in denen gewonnen wurde nicht systematisch in den politisch relevanten Strukturmerkmalen von solchen unterscheiden, in denen verloren wurde, können wir hier von einem sog. natürlichen Experiment ausgehen. Das erlaubt uns einen genuin kausalen Effekt des Fußballresultats auf das Wahlergebnis zu schätzen.

Die Ergebnisse unserer Regressionsanalysen sprechen tatsächlich für einen Fußballeffekt bei Wahlen. Wir finden einen kausalen Effekt von Fußballresultaten auf das Wahlergebnis. Zum einen steigt die Höhe der Wahlbeteiligung im Vergleich zu 2009 um ca. 0,17 Prozentpunkte an, wenn der Wahlkreisverein gewonnen hat. Zum anderen und in Einklang mit der Theorie der blind retrospection erhöht sich der Zweitstimmenanteil der CDU/CSU im Vergleich zu 2009, um durchschnittlich 0,35 Prozentpunkte. Für die FDP finden wir allerdings keine konsistenten Zusammenhänge zwischen Wahlergebnis und Fußballresultat auf Ebene der Wahlkreise. Die Effekte sind insgesamt wie zu erwarten war zwar nicht übermäßig stark, allerdings sind sie statistisch signifikant und es ist unseres Erachtens schon bemerkenswert, dass sich bei Kontrolle um relevante Drittvariablen überhaupt ein genuiner Fußballeffekt nachweisen lässt. Tore entscheiden damit also keine Bundestagswahlen aber es gibt empirische Evidenz für die Wirksamkeit nichtpolitischer Ereignisse auf Wahlverhalten auch in Deutschland.

 

Verwendete Literatur

Achen, Christopher H, and Larry M Bartels. 2004. „Blind retrospection: Electoral responses to drought, flu, and shark attacks.“

Fowler, Anthony, and B Pablo Montagnes. 2015. „College football, elections, and false-positive results in observational research.“ Proceedings of the National Academy of Sciences 112 (45):13800-4.

Healy, Andrew J, Neil Malhotra, and Cecilia Hyunjung Mo. 2010. „Irrelevant events affect voters‘ evaluations of government performance.“ Proceedings of the National Academy of Sciences 107 (29):12804-9.

Healy, Andrew, and Neil Malhotra. 2010. „Random events, economic losses, and retrospective voting: Implications for democratic competence.“ Quarterly Journal of Political Science 5 (2):193-208.

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